
Entstehungsdaten:
USA 2024
Regie:
Chris Stuckmann
Darsteller:
Camille Sullivan
Sarah Durn
Brendan Sexton III
Trailer
Shelby Oaks: A Horror Feature Film from Chris Stuckmann
So lautete die Überschrift einer Crowdfunding-Kampagne, die jener populärer YouTube-Movie-Critic im März 2022 begonnen hatte. Am Ende gelang es ihm auf diesem Wege, dank der Beteiligung von 14.720 Backern (einer derer ich war) das Ergebnis von 1.390.845,- Dollar zu erzielen – was auf der Kickstarter-Plattform einen Rekord für ein solches Genre-Vorhaben markierte. Zuvor war es ihm nicht möglich gewesen, sein Spec-Script anders realisiert zu bekommen, welches er 2019 Indie-Producer Aaron B. Koontz („the Artifice Girl“) gepitcht hatte – denn auch mit dessen Unterstützung (sowie einer eigenen netten kleinen „the Blair Witch Project“-esken Online-Guerilla-Marketing-Aktion) vermochte keine für das von ihm für sein Regie-Debüt Angestrebte ausreichende Budget-Höhe gesichert zu werden…
Mit dem Geld dann aber beisammen, um seinen Traum seit Kindheitszeiten ohne größere Einschränkungen verwirklichen zu können, ging es schließlich vom 05. Mai bis zum 09. Juni 2022 an verschiedenen Locations in Ohio vor die Kameras. Basierend auf einer von ihm und seiner Frau Samantha Elizabeth verfassten Vorlage, entfaltet sich die erzählte Geschichte inspiriert u.a. durch Stuckmann's Erinnerungen an sein oft nicht gerade einfaches Aufwachsen in einer strenggläubigen Jehovah's-Witness-Familie sowie seitens bestimmter Eigenschaften und Elemente geschätzter Streifen wie „Lake Mungo“, „Noroi“, „Hereditary“ sowie des bereits erwähnten Daniel Myrick und Eduardo Sánchez Klassikers – markante Found-Footage- und Faux-Documentary-Anteile inklusive…
Der Dreh verlief gut – obgleich auf einzelne eigentlich geplante Shots und Szenen verzichtet werden musste, da die Finanzierung dafür letztlich doch nicht genügte (nach allen Gebühren und Reward-Kosten stand weniger als eine Million zur Verfügung). Im August 2023 unterbrach der SAG-AFTRA-Streik die Post-Production für mehrere Wochen – Anfang 2024 konnte der Film dann aber fertig gestellt sowie seine Premiere für den 20. Juli (auf dem Fantasia-Festival in Montreal) angekündigt werden. Nach jenem Screening schnappte sich Neon („Longlegs“, „Immaculate“, „Cuckoo“ etc.) kurzerhand die Vertriebs-Rechte und überließ Stuckmann obendrein gar eine das Budget insgesamt verdoppelnde Summe für drei Tage an Re-Shoots, zusätzliche Effekte sowie Rekonfigurierungen im Bereich des Editings…
Lange hatte Riley (Sarah Dunn) Albträume und war fest davon überzeugt, nachts regelmäßig eine finstere Gestalt draußen vor ihrem Schlafzimmer-Fenster (im ersten Stock) zu erblicken. Irgendwann hörte das zwar auf und vieles wurde besser – doch depressive Phasen blieben. Eine Art positive Erfüllung fand sie später als ebenso engagiertes wie beliebtes Mitglied eines YouTuber-Quartetts, das lokalen „Spuk-Storys“ nachging und das Ganze auf ihrem Paranormal Paranoids genannten Channel postete. Die Videos waren creepy und unterhaltsam – mit Riley scheinbar ein besonderes Gespür für das Übernatürliche aufweisend – was ihnen eine stetig wachsende Zahl an Followern und Views bescherte; allerdings auch hitzige Debatten entfachte, ob das Gezeigte wohl wirklich echt sei…
Es war nach einer unheimlichen Episode in einem von einem Feuer zerstörten Gefängnis, dass sich Riley's Seelenzustand auf einmal veränderte – hin in eine bedrückte, besorgte Richtung – bevor alle vier urplötzlich „verschwanden“. Im Folgenden wurden die Leichen von David (Eric Francis Melagragni), Laura (Caisey Cole) und Peter (Anthony Baldasare) in einer Hütte im Wald entdeckt: Barbarisch getötet – ihr Blut u.a. dafür verwendet, Exemplare eines mysteriösen Symbols an die Wände zu malen. Zwei Kameras hatten sie dabei – doch nur eine wurde gefunden. Das Bildmaterial jener deutet an, dass Riley entführt wurde – konkret klar ist das bis heute allerdings nicht. Stracks wurde eine groß angelegte Suche eingeleitet – offline wie online – die aber keinerlei Spuren hervorkehren konnte; geschweige denn Resultate…
Zwölf Jahre ist das inzwischen her – in denen ihre Schwester Mia (Camille Sullivan) die Hoffnung nie aufgegeben hat. Belastend für sie und ihre Ehe mit Robert (Brendan Sexton III) – nicht nur weil in der Region noch immer Graffitis mit Zeilen wie „Who took Riley Brennan?“ prangen und der Fall im Internet aufgrund seiner rätselhaften Beschaffenheit weiterhin thematisiert wird – ist sie nun auf die Anfrage einer Journalistin (Emily Bennett) eingegangen, von ihr dazu für eine Doku interviewt zu werden. Für Mia ist das so etwas wie eine letzte Chance – während sich Robert indes wünscht, dass ihr das hilft, mit der Sache endlich vernünftig abzuschließen. Inmitten jenes Termins klingelt es an der Haustür – worauf Mia einem Mann (Charlie Talbert) gegenübersteht, der sich prompt selbst in den Kopf schießt…
Dem Publikum in einem Stil präsentiert, welcher dem vertrauten gängiger True-Crime-Beiträge ähnelt, nutzt Stuckmann diese sich aus älteren Aufnahmen, Fotos, Clips diverser Quellen sowie dem Footage der kleinen Crew bei Mia daheim zusammensetzenden Einstiegs-Minuten geschickt zu Exposition-Zwecken – bis hin zur überraschenden (mit der grausigen Tat einhergehenden) Titel-Einblendung, nach der einem die Ereignisse fortan nahezu komplett traditionell gefilmt und arrangiert dargeboten werden. Manche dürften diesen Wechsel als zusagend erachten – ich selbst empfand ihn eher als schade. Unerwartet liefert der Suizid Mia nun aber neue Erkenntnisse und Ansätze – und das durch eine Camcorder-Kassette in der Hand des Toten, auf die der Name einer Stadt geschrieben wurde: Shelby Oaks.
Trotz des Schocks nimmt Mia das Tape postwendend an sich – ohne dass jemand vor Ort von dessen Existenz mitbekommt – und schaut es sich am Abend dann allein an, als die Polizisten (und Co.) wieder abgerückt sind: Es ist das der zweiten Kamera – samt garstiger Details der Morde an Riley's Freunden sowie bis dato unbekannter Hinweise. Direkt danach teilt sie ihr Wissen mit Robert – der davon natürlich nicht gerade begeistert ist – und erfährt seitens der Behörden (denen sie ihren Fund weiterhin verschweigt) an einem der nächsten Tage, dass der Mann Wilson Miles hieß und ein aktenkundiger Straftäter war, der zu Zeiten eines brutalen Aufruhrs sowie des fatalen Feuers in eben jenem Gefängnis einsaß, welches im Zentrum des finalen veröffentlichten Videos der Paranormal Paranoids stand…
Mit Mia sich umso intensiver an Nachforschungen begebend, treibt das den „Keil“ nur noch tiefer zwischen Robert und sie. Könnte Riley wohlmöglich noch am Leben sein? Sie agiert obsessiv – und dadurch häufig impulsiv und unvernünftig. Die Veranlassung, unweigerlich leise aufzustöhnen, wenn sie bspw. spät nachts einfach mal irgendwo hin aufbricht, wo es potentiell gefährlich ist – und das allein, unbewaffnet sowie mit keinem, der davon weiß – wird durch diesen Background zwar ein wenig abgemildert – das Erkeimen des betreffenden klischeehaften Eindrucks kann aber dennoch nicht verhindert werden. Zum Glück überzeugt Camille Sullivan („the Unseen“) in der tendenziell distanzierten, bloß begrenzt sympathischen Rolle: Mia's Verbissenheit und Emotionen transportiert sie glaubwürdig-gut…
Mia's Recherchen führen sie u.a. in einen alten, geschlossenen, seither überwachsenen kleinen Freizeitpark, in dem sie und ihre Schwester früher des Öfteren waren, in eine Bibliothek (zum Durchspulen von Microfichen), in die erwähnte ehemalige Vollzugsanstalt sowie in ein im Wald gelegenes, unbehaglich vor sich hin schimmelndes Haus. Die Locations sind atmosphärisch und wurden von Cinematographer Andrew Scott Baird („Baphomet“) prima eingefangen – welcher ordentliche Arbeit geleistet hat; ebenso wie die für das Set-Design und die Ausleuchtung zuständige Crew. Überdies trägt die Musik-Untermalung James Burkholders („Werewolves“) und der Newton Brothers („Urge“) dienlich zur jeweiligen Stimmung und Effektivität der verschiedenen Passagen und Einzel-Sequenzen bei…
Mit dem Verlauf maßgeblich auf Mia konzentriert, verbleiben den restlichen Charakteren und Darstellern nur limitierte Aufmerksamkeit und Screen-Time. Robert (solide: Brendan Sexton III aus „Don't Breathe 2“) liebt seine Frau – hat nach all diesen Jahren nun aber einen Punkt erreicht, an dem er das so nicht mehr kann. Michael Beach („Saw X“) tritt kurz als Cop in Erscheinung, Emily Bennett („Blood Shine“) als Interviewerin, Charlie Talbert („Rebel Ridge“) als Wilson Miles sowie Robin Bartlett („Shutter Island“) und Derek Mears („Arena“) in zwei Parts, die ich hier (zur Vermeidung von Spoilern) aber nicht weiter deskribieren werde. Darüber hinaus gibt Keith David („Nope“) den von unheimlichen Vorfällen rund um Miles berichtenden Ex-Direktor des besagten Gefängnisses gewohnt prima zum Besten…
Je akribischer Mia gewisse lost Places in Shelby Oaks erkundet – sich mit ihnen und den zugehörigen Historien beschäftigt, welche schließlich den Niedergang der gesamten (heute im Prinzip menschenleeren) Stadt auslösten – desto wiederkehrender sieht sie sich selbst mit Beklemmendem, Bedrohlichem und geradewegs Unerklärlichem konfrontiert: Dinge wie dunkle, sie belauernde Hunde, seitlich gedrehte Inguz-Runen oder wer oder was sowohl hinter Miles' letzten Worten „She finally let me go.“ als auch dem (u.a. in Blut zurückgelassenen) Namen Tarion steckt – von der düster-großen, ab und an leuchtend-äugigen Gestalt, deren sporadisches Auftauchen in der Kindheit der Schwestern begann, mal ganz zu schweigen. Ein so lange irgendwie schon aktiver Kult? Oder gar etwas weitaus Schrecklicheres?
Wie Riley da mit reinspielt oder hineingeraten ist, gilt es für Mia herauszufinden. Es ist nur, dass einen ihre Suche nicht genügend mitzureißen bzw. zu fesseln vermag. Obgleich mir das Pacing nicht immer optimal vorkam, hat mich das ruhige Tempo an sich nicht gestört – und an mangelndem Interesse an Riley's Schicksal lag es ebenfalls nicht: Für mich war's eher die eingeschränkte Originalität und „Eindringlichkeit“ der Entfaltung. Sicher, kreative Ideen und wirkungskräftige Momente sind zu verzeichnen – unterm Strich allerdings nicht genug davon. Es ist evident, dass Stuckmann inhaltlich und stilistisch diverse in anderen Werken zuvor gesehene und geschätzte Elemente in seins mit eingebunden hat: Neben den bereits genannten sind weitere Einfluss-Ursprünge bspw. „Los sin Nombre“ und „Rosemary's Baby“…
Unabhängig ihrer generell kompetenten Umsetzung sind die vorhandenen Genre-Tropes (á la Flashbacks in die Jugend, eine unzuverlässige Taschenlampe, spezielle „Wohn-Situationen“ etc.) aber dennoch exakt als solche nachteilig zu registrieren – insbesondere wenn Faktoren wie der vermittelte Grad an Suspense oder Bedrückung sie nicht ausreichend ergiebig kaschieren oder überlagern können. Jump-Scares (von denen einer echt klasse ist) und explizit gezeigte Brutalitäten halten sich derweil in Grenzen – so wie auch CGIs; wobei die verwendeten jedoch recht klar erkennbar sind. Positiv zudem: Ein paar nette Practical-F/X, das Zurückgreifen auf reale Hunde in einer bedeutsamen Szene sowie manch „Fenster-Zentrisches“ (vom Metaphorischen, mehreren Reflektionen und einem Sprung im Glas her)…
Die einleitenden 17 Minuten sind hervorragend: Der Mix aus Clips transportiert eine Menge an Informationen sowie simultan eine Bandbreite an Emotionen – von der Unbeschwertheit, in jener noch nicht so übersättigten und kommerzialisierten Ära Online-Content zu produzieren, über die Belastungen, mit denen Riley zu ringen hatte, bis hin zu dem Horror des Geschehenen sowie den Reaktionen der Leute darauf. Sarah Dunn („Carry-On“) meistert die Einführung Rileys in diesen Video-Snippets anstandslos – und Stuckmann trifft das Feeling der Zeit sowie jenes der unterschiedlichen involvierten „Gruppierungen“ (also von Behörden und ergriffenen Nahestehenden, Legacy-Medien-Vertretern sowie sich oft besserwisserisch gebarenden Internet-Sleuths und Commentary-Vloggern) authentisch anmutend…
Leider aber wird dieser Found-Footage- und Doku-Struktur-Ansatz (samt damit verbundener reizvoller Meta-Betrachtungs-Möglichkeiten der multischichtigen Thematik) zugunsten einer konventionellen Darbietung (inklusive glatterer Optik und Editing-Form) aufgegeben. Fast schon ironisch ist es da, dass von den creepy Highlights bis hin zur schick arrangierten finalen Einstellung selbst fortan eine hohe Zahl aus Abschnitten stammt, in denen sich jemand ein grainy-unscharfes altes Video-Band anschaut. Stuckmann hat Talent als Regisseur und Skript-Autor – allerdings wirkt „Shelby Oaks“ bisweilen so, als habe er sich fürs Akzeptieren so einiger Kompromisse entschieden, um als Newcomer in diesem Bereich überhaupt erst einmal diese Chance gewährt zu bekommen…
Ein prominenter Film-Kritiker, der selbst einen verfasst und dreht – dazu noch unterstützt seitens Mike Flanagan („Hush“) und den Profis bei Neon: Da waren nicht wenige durchaus gespannt auf das Ergebnis – welches letztendlich okay geraten ist. Stuckman ist ein passionierter Cinephile, der an dem vorliegenden Streifen sicher eine Reihe von Punkten loben und bemängeln würde, wäre er von jemand anderem (oder würde er ihn selbst offen und ehrlich rezensieren). Warum er z.B. Mia Miles' Blut derart lange nicht hat abwaschen lassen, werde ich wohl nie verstehen (oder akzeptieren). Nunja, für seine Zukunft auf diesem Gebiet drücke ich ihm jedenfalls weiterhin die Daumen – dass ihm ähnliches gelingen mag wie etwa seinen YouTube-Kollegen RackaRacka mit „Talk to me“ und „Bring her back“…
knappe
