
Entstehungsdaten:
USA 2024
Regie:
Racheal Cain
Darsteller:
Chloë Levine
Will Peltz
Peter Vack
Johnathon Schaech
Trailer
Do you ever grieve for lives you don't get to live?
Bei „Somnium“ (2024) handelt es sich um einen von Racheal Cain ersonnenen und in Szene gesetzten Sci-Fi-Horror-Psychothriller – welcher ihr Spielfilm-Debüt markierte sowie auf eine lange Entstehungs-Geschichte zurückblickt. Aufgewachsen in Miami, hatte sie den first Draft des Skripts bereits geschrieben, als sie 2012 (als junge Frau) nach L.A. zog – wo sie im Folgenden erst einmal bei Freunden unterkam sowie u.a. als Kellnerin, Babysitterin, Barista und Social-Media-Videographerin jobbte, während sie die Story stetig weiter ausarbeitete. Im Juni 2014 eröffnete sie ein Instagram-Account für das Projekt – dessen Titel damals übrigens noch „Alaska“ lautete – baute auf diesem Wege Connections auf und aus, bemühte sich um Fördergelder und sicherte sich gegen Ende 2017 einen kleinen, aber erquickenden Finanzierungs-Zuschuss via das New Yorker Big Vision Empty Wallet Incubator Program…
Obgleich sie kontinuierlich an dem Verfassten herumwerkelte, war sie mit den darin eingebundenen Flashback-Passagen – welche von zentraler Bedeutung waren und etwa 20 Prozent des Ganzen ausmachten – in ihrer Form durchaus zufrieden – also ergriff sie irgendwann postwendend die Chance, zumindest diese schonmal zu realisieren, als sie die Gelegenheit erhielt, in Atlanta zu einem günstigen Preis entsprechendes Equipment zu mieten. Und so ging es im März 2018 dann mit einer gemäß ihren Vorstellungen angeheuerten Cast&Crew vor die Kameras – worauf sie in den anknüpfenden Monaten selbst am Editing mitwirkte sowie eine Kickstarter-Crowdfunding-Kampagne kreierte, aus der letztlich 63.388,- Dollar von 524 Backern zusammenkamen; einer davon ich. Auf Anhieb gefielen mir das Konzept sowie die präsentierten Bilder des Georgia-Shoots – und so beteiligte ich mich gern daran…
2019 lernte sie Produzentin Maria Allred („the Texture of Falling“) kennen, mit deren Hilfe sie rund die Hälfe des noch nötigen Budgets zu sichern vermochte – bevor die Pandemie ausbrach und sich alles weiter hinauszögerte. 2021 begann sie damit, ihre Vorlage zu straffen – zwecks Feinschliff sowie um Geld zu sparen; z.B. im Bereich der Ensemble-Größe sowie gewisser eigentlich angestrebter Setpieces – wonach die verbliebenen „Hürden“ überwunden werden konnten und sich die um diverse Neuzugänge ergänze „Kerntruppe“ (nach stolzen vier Jahren) in Los Angeles zum Haupt-Dreh wiedervereinte, bei dem es Mitte 2022 schließlich That's a Wrap! hieß. Die Post-Production-Phase verlief weitestgehend reibungslos, im Juni 2024 fand die Welt-Premiere auf dem Chattanooga Film Festival statt und in 2025 nahm sich Yellow Veil Pictures (u.a. „Starfish“ und „Riddle of Fire“) dem Vertrieb des Streifens an…
„Somnium“ ähnelt bloß nur noch grob dem, wie sich Cain „Alaska“ ursprünglich mal im Kopf ausgemalt hatte. Generell freut es mich für sie, dass es ihr nach fast eineinhalb Dekaden gelungen ist, ihr Ziel zu verwirklichen – und sich das Ergebnis zudem auch derart sehen lassen kann. Im Zentrum des Geschehens steht Gemma (Cholë Levine) – welche von einer Kleinstadt auf dem Lande kürzlich nach Hollywood gezogen war, um Schauspielerin zu werden. Ihre Ersparnisse sind begrenzt – weshalb sie zunehmend unter finanziellen Druck gerät, als sie bei Talent-Agenturen (für professionellen Support in Sachen Auditions und Promotion) nirgends ein Fuß in die Tür bekommt. Von daher nimmt sie (notgedrungen) einen Job als Nachtschicht-Mitarbeiterin in einer Schlaf-Klinik an – nach welcher der Film benannt ist und in der man sich auf eine neuartige Behandlungs-Methode spezialisiert hat…
Wer in dieses seitens Dr. Shaffer (Gillian White) gegründete Institut eincheckt, ist eher ein zahlender Kunde als ein Patient: Im Rahmen eines jeweils sechswöchigen Durchgangs legen sich diejenigen Personen abends immerzu in eine Kapsel und bekommen während sie schlafen vorher festgelegte „Suggestionen“ in Form von Bildern und Botschaften in ihre Träume (und somit auch in ihr Unterbewusstsein) eingepflanzt. Eine von dem Angestellten Noah (Will Peltz) programmierte Software ist dazu fähig, in Verbindung mit den dafür konstruierten Geräten solche Eigenschaften und Dinge wie Selbstvertrauen, Ambitionen und Wünsche systematisch kräftigen oder anderweitig beeinflussen zu können. Den Menschen wird der Antrieb und Wille gegeben, das Beabsichtige bzw. Anvisierte zu erreichen. Vor Ort muss Gemma einfach nur anwesend sein, falls es mal eine technische Störung (oder so) geben sollte…
Mit dem nächtlichen Dienst hat sie keinerlei Probleme – daheim hatte sie nämlich häufig in dem 24h-Diner ihrer Eltern ausgeholfen – doch sie ist einsam in der Big City – vermisst ihre Freunde und ihren Ex Hunter (Peter Vack), mit dem sie sich vor ihrem Umzug zerstritten hatte. Per Zufall lernt sie den Producer Brooks (Johnathon Schaech) kennen, der sie zu unterstützen verspricht, und schafft sie es, bei einem Casting Eindruck zu schinden – allerdings droht ihr wegen Miet-Rückständen schon bald der Verlust ihrer Wohnung und beginnt sie unter bedrückenden Albträumen zu leiden. Gar schlimmer ist aber, dass sie plötzlich eine grau-weißliche humanoide Kreatur zu sehen anfängt: Zuerst auf der Arbeit – dann nicht nur in jenen Räumlichkeiten. Unablässig steigert sich ihre Verängstigung und Verzweiflung. Die Frage ist bloß: Liegt das an der psychischen Belastung der kompletten Situation – oder steckt mehr dahinter?
Von Cautionary-Tale und Coming-of-Age über Drama und Science-Fiction bis hin zu Horror und Thriller verwebt „Somnium“ verschiedene Genres und inhaltliche Elemente miteinander. Das mag zwar nicht unbedingt neu sein und einen an Werke wie „Mulholland Dr.“, „Starry Eyes“ und „the Neon Demon“ erinnern – funktioniert hier aber dennoch ordentlich; sofern einem der gebotene Slow-Burn-Indie-Stil nicht etwa zu gemach und unspektakulär ist und man bestimmte Allegorien und Ansätze zu schätzen weiß. Noah erklärt Gemma, dass er den Klienten im Prinzip alles in deren Gedanken „einbetten“ kann: Für jene ist das unbemerkbar – so dass sie demnach voller innerer Überzeugung auf dieser Grundlage agieren. Er könnte bspw. ein Foto von ihr in den Feed von jemandem einfügen und so bewirken, dass derjenige fortan Gefühle für sie empfindet; oder ein Regisseur oder Produzent sie stracks für The next Big Thing hält…
Diese Verzerrung der Wahrnehmung und Realität harmoniert natürlich bestens mit der Ansiedlung der Story in Hollywood. Seit jeher reisen unzählige für eine Karriere im Show-Business in die (für viele meist nicht gerade glamouröse) Traum-Fabrik – doch nur den wenigsten gelingt das auch nur ansatzweise so, wie sie es sich ausgemalt oder erhofft haben. Man muss schon Entschlossenheit, Stress-Resistenz und Durchhaltevermögen mit sich bringen – ebenso wie Begabung und/oder individuelle Faktoren, mit denen man sich von der Konkurrenz abhebt. Connections sind gleichermaßen dienlich – Glück sowieso. Breites Interesse an dieser Prozedur, durch die man berufliche und persönliche Verbesserungen (obendrein ohne größere Anstrengungen) herbeiführen kann, dürfte außer Frage stehen – sollte man sie sich leisten können sowie sofern sie denn mal umfänglich ausgereift ist und entsprechend vermarktet wird…
Was es mit Dr. Shaffer und ihrer Klinik in den Bereichen Genehmigungen und Expansions-Pläne auf sich hat, wird nahezu ausgeklammert: Zwar wird gesagt, dass sie zuvor bereits mit Sportlern Erfolge gefeiert hatte, gibt es Werbe-Billboards zu erspähen und mangelt es nicht an Kunden – doch ist die Einrichtung „rein zweckmäßig“ (anstelle von flashy-schick-modern) ausgestattet und ist es durchaus tendenziell unbehaglich, wenn man mitbekommt, was Noah so alles manipulieren Schrägstrich anrichten könnte; wie auch dass manche Leute tatsächlich einen „mentalen Zusammenbruch“ erleiden sowie daraufhin via eines speziellen Verfahrens quasi einem Reboot unterzogen werden müssen. Gemma ist neugierig – allerdings haben ihre Acting-Ambitionen weiterhin oberste Priorität und belastet sie die Einsamkeit anwachsend stärker; weshalb sie bspw. Anschluss bei ihrer Tagschicht-Kollegin Olivia (Clarissa Thibeaux) zu finden versucht…
„Somnium“ profitiert ungemein von Cholë Levine (u.a. „the Ranger“ und TV's „the OA“) als Lead – welche Gemma glaubwürdig (leicht naive, nichtsdestotrotz sympathisch sowie von ihren Emotionen und Entscheidungen her nachvollziehbar) portraitiert: Man drückt ihr fest die Daumen – befürchtet zugleich aber auch, dass ihr motivierter, mutiger Schritt, in die City of Angels zu ziehen, für sie am Ende eventuell nicht gut ausgehen wird. Mit ihren nicht geringer werdenden Sorgen und Selbstzweifeln, denkt sie des Öfteren an die Zeit mit ihren Freunden und ihrer großen Liebe Hunter (solide: Peter Vack aus „the Code“) zurück: Wohlige, nun jedoch vergangene Erinnerungen, denen sie wehmütig-verletzt hinterher trauert. Vorgefallenes hatte sie dazu bewogen, ihnen beweisen zu wollen, zu Größerem imstande zu sein, als nie dort rauszukommen sowie später dann wahrscheinlich wohl mal das Restaurant ihrer Eltern zu übernehmen…
Die Flashbacks sind schön gefilmt – und es ist ein ersprießliches Detail, dass zwischen jenen und den übrigen Aufnahmen vier Jahre lagen; also ein wirklicher Unterschied zur „aktuellen“ Gemma erkennbar ist – wobei man ihre Zahl jedoch schon ein Stück weit hätte reduzieren können. In der tristen Gegenwart droht ihr, von einem Abwärts-Strudel mitgerissen zu werden – was in einer Depression (oder etwas noch schlimmerem) resultieren könnte. Als sie eines Tages eine Audition reich an Emotionen meistert – und das in Gestalt einer Levine's Talent deutlich zur Schau stellenden Szene, die jener Naomi Watts' in dem zuvor genannten David Lynch Klassiker ähnelt – beginnt für sie im Folgenden das Bangen um eine positive Nachricht: Zusätzlicher, sich ihren anhaltenden Schlaf-Störungen sowie Paranoia- und Angst-Anflügen hinzuaddierender Stress – von der immer häufiger auftauchenden Kreatur ganz zu schweigen…
Jemand, mit dem sie entlang des Weges in Kontakt kommt – erstmals in einer Gasse nach dem abendlichen Verlassen einer Spielhalle – ist Brooks: Ein auffällig gestylter Movie-Producer (mit silber-blond gefärbten Haaren), der eine Menge Potential in ihr sieht – wie er es sagt – sowie sich ihr als Mentor anbietet. Es ist nicht klar, ob er eine Gefahr für sie ist – oder sie ihm vertrauen kann. Als er sie zu einer Party in den Hollywood Hills einlädt, muss Gemma abwägen, ob sie sich dafür in jener Nacht heimlich von ihrem Arbeitsplatz entfernt, da sie daran gescheitert ist, eine Vertretung zu organisieren: Letztendlich riskiert sie ihren Job, um diese Networking-Gelegenheit nicht zu verpassen. Mit einer markanten Ausstrahlung, ist Johnathon Schaech („5 Days of War“) überraschend charismatisch-kompetent in der Rolle – einschließlich eines herausragend ehrlich-offenen Gesprächs zwischen ihm und Gemma in ihrer Wohnung…
Neben Nicola's Bruder Will Peltz („Unfriended“) als introvertiert-eigenwilliger Noah, bei dem ein gewisser creepy Vibe zu registrieren ist, Michael Jai's Ehefrau Gillian White („the Island“) als Chefin sowie Clarissa Thibeaux („Paradox Lost“) als Gemma's Kollegin (in der anderen Schicht) kann „Somnium“ u.a. noch mit Social-Media-Persönlichkeit Draya Michele („We belong together“) sowie Casper's gern gesehenes Töchterchen Grace Van Dien („the Fix“) aufwarten, die beide sich ebenfalls in Brooks' Kreisen bewegende Aktricen verkörpern. Sie tragen jeweils ihren Teil zu Gemma's Geschichte bei – welche Levine einem spürbar macht: Ihre Erschöpfung und Beunruhigung angesichts der Merkwürdigkeiten um sich herum – ihre Angst und Bedrängtheit, als sie nicht mehr genau separieren kann, was echt und was wohlmöglich bloß in ihrem Kopf ist. Ein stetig voranschreitender, seelisch an ihr zehrender Kontroll-Verlust…
Aufgrund der Einwirkungen auf sie (bzw. ihre Psyche) ist Gemma ein unzuverlässiger Erzähler: Durchlebt sie einen Kollaps, bei dem ihre Night-Terrors in die Wachphasen überfließen? Ist das grässliche, sich vorrangig in den Schatten aufhaltende Wesen (Bries Vannon aus „Captive State“ in einem überzeugenden Kostüm) eine groteske Manifestation ihrer Ängste? Oder ist es vielleicht sogar so, dass Sie (ohne es zu wissen) selbst in der Klinik die betreffende Prozedur durchläuft – nur dass bei ihr dabei irgendeine „Fehlfunktion“ geschehen oder weiterhin im Gange ist? Cain sät dahingehend Verdacht und beschreitet diese feine Linie anständig, so dass man sich bei der finalen Preisgabe nicht „beschummelt“ vorkommt – welche ihrerseits allerdings auch nicht frei von Interpretations-Spielraum ist. Einzelnes (z.B. im Hinblick auf Noah oder die Auflösung an sich) werden Genre-Kundige aber dennoch vorausahnen können…
Zusammen mit ihrer Produktions-Designerin Olivia McManus und ihrem Kameramann Lance Kuhns („Lost Woods“) schuf Cain atmosphärische Schauplätze und Bilder, die mitunter selbst in Alltags-Momenten ein wenig ungemütlich und/oder off-kilter anmuten. Unabhängig einiger Dinge (wie Handys) könnte der Film indes glatt in den Achtzigern oder '90ern angesiedelt sein, hat man das Gefühl: Er ist düster (punktuell einen Zacken zu dunkel ausgeleuchtet, könnte man argumentieren) und transportiert das ins Auge gefasste verunsichernd-beklemmende Feeling ergiebig – wozu die hervorragend passende Musik-Untermalung Peter Ricqs („Dark Tide“) und Mike Forsts („Skin“) gleichsam beiträgt. Darüber hinaus fand bei den Visionen, Albträumen sowie dem Inbetween-Zustand des Schlussakts eine ansprechend kreativ und zurückhaltend eingesetzte Kombination aus CGIs und praktischen Effekten Verwendung…
Im Falle von „Somnium“ hat sich die betreffende Entschlossenheit und Beharrlichkeit Cains durchaus gelohnt. Das Ergebnis ist zwar beileibe nicht perfekt – wohl aber ein interessanter, stimmungsvoller allegorischer Indie u.a. über Ambitionen, Hoffnungen, Selbstfindung, Paranoia, Verzweiflung, negative Einflüsse auf seelische Gesundheit, Loyalität sowie die Bedeutsamkeit, sich selbst treu zu bleiben. Unüberhastet wurde hier Psycho-Drama (gelegentlich etwas uneben) mit Horror und einer Prise Sci-Fi verwoben, Cholë Levine agiert natürlich und stark in der Hauptrolle, der konzeptionelle Fokus wurde kräftiger auf die Zeichnung ihrer Figur als auf Tempo, aufwändige Setpieces oder etwaige Twists und Scares ausgerichtet und das handwerkliche Können Cains (als Skriptautorin und Regisseurin) ist nicht zu verkennen. Kurzum: Eine Empfehlung für Freunde von Streifen á la „Come True“…
knappe
